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Erich Kitzmüller: Produktiver Hauptkonflikt

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am 24.11.2008 geschrieben am 24.11.2008 geschrieben

Erich Kitzmüller schrieb mir: "Der aufgetretene hauptkonflikt, in meinen augen, hier selbstfindung, dort umfassende analyse, ist einer, in dem beide seiten recht haben. Also könnte der streit produktiver werden."

am 24.11.2008 von Franz Nahrada bearbeitet.

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am 25.11.2008 geschrieben am 25.11.2008 geschrieben

Als ich Anfang der 70er Jahre an der Gründung der "Plattform der Undogmatischen Linken" (PUL) beteiligt war - als Antwort auf die Kadergrüppchen der Maoisten und Trotzkisten - sammelten sich rasch um uns viele Leute, denen das Wörtchen "undogmatisch" gefiel. Rasch aber entwickelte sich ein Streit, der schließlich in 2 "Fraktionen" gerann, den "Subjektivisten" und den "Objektivisten". Die ersteren meinten, an den bürgerlichen Verkehrsformen läge es, dass wir nicht weiterkämen. Sie forderten den "subjektiven Faktor" ein, hatten sich schrecklich lieb und vertschüssten sich bald aus jeglicher Politik. Die anderen bildeten Kapital- und Hegelarbeitskreise, schrieben eine "Österreich-Analyse" und gingen mehr oder minder in die später gegründete Marxistische Gruppe auf, eine selbst wieder streng kaderorganisierte Bewegung. War diese Alternative zwangsläufig?

Selbstfindung versus Analyse: Ob dieser "Hauptkonflikt" so produktiv ist, daran habe ich meine Zweifel. Alle Strategien jedenfalls, die aufklärerische Attitüden haben, sind den gegenaufklärerischen Verlockungen vorzuziehen. Daher sind alle Überlegungen zum (liebevollen) Umgang miteinander im Binnenverhältnis von Gruppen und Organisationen sinnvoll und vielleicht sogar unumgänglich. Aber wenn sie inhaltlich an die Stelle des politisch zu organisierenden bewussten Kampfes gegen Staat, Kapital und Weltmarkt treten, werden sie reaktionär im wahrsten Wortsinn. Eigene konstruktivistische Lebensg'schichterln gegen die Gesellschaft, in der wir leben, zu erfinden, das ist nicht mehr bloß lächerlich, das ist schon extrem ärgerlich! Vor allem, wenn es gleichzeitig als Kritikverbot auftaucht.

Zum Schluss kommentarlos ein Zitat des unverdächtigen Gottfried Keller aus "Der grüne Heinrich":
„Es gibt eine Redensart, daß man nicht nur niederreißen, sondern auch wissen müsse aufzubauen, welche Phrase von gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Tätigkeit unbequem entgegentritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo obenhin abgesprochen oder aus törichter Neigung verneint wird; sonst aber ist sie ohne Verstand. Denn man reißt nicht stets nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil, man reißt recht mit Fleiß nieder, um freien Raum für Licht und Luft zu gewinnen, welche überall sich von selbst einfinden, wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt, so ist nichts negativ, sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen.“

am 25.11.2008 von Franz Nahrada bearbeitet.

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am 25.11.2008 geschrieben am 25.11.2008 geschrieben

Ich hatte durchaus den Eindruck, dass von den meisten von der "analytischen" Seite die Konferenz ernster genommen wurde als von manchen auf der "visionären" oder "handlungsbetonten" Seite. Aber intendiert war das nicht.

am 25.11.2008 von Franz Nahrada bearbeitet.

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am 25.11.2008 geschrieben am 25.11.2008 geschrieben

Lieber Franz,
ich glaube nicht, dass die Pointe Analyse versus Handlungsbetonung liegt. Sondern darin, ob man die Gewaltverhältnisse ernst und objektiv nimmt oder sich idyllische Scheinwelten suggeriert.

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am 25.11.2008 geschrieben am 25.11.2008 geschrieben

Darum gehts doch gar nicht - sondern es geht darum, welche Welten tatsächlich real aus bewusster Aktion und Intention entstehen können, gerade nicht Scheinwelten sind. Das war die Aufgabenstellung, die zum Beispiel ein Referat über Utopien hätte erfüllen sollen. Diese wechselseitige Desavouierung sollte gerade aufgehoben werden, indem jede Seite die andere ernst nimmt in ihrem Anliegen. Das ist uns nicht gänzlich geglückt, insoferne braucht es noch viel Arbeit. Aber dass so ein Dialog überhaupt stattfand erachte ich schon als einen gewissen Fortschritt. Beispielhaft und sehr mutig fand ich da die Zusammenarbeit von Franz Schandl und Barbara Pitschmann. Wer ihre Referate inhaltlich verfolgte, konnte sehr große Differenzen feststellen, und doch ist es ihnen gelungen, beide Standpunkte ohne Denunziation mal darzustellen. Dadurch wurden auch Stärken sichtbar, und das aufeinander - Angewiesensein. Barbara hat sich Aktionsformen ausgedacht denen sicher der Hauch des Naiven anmutet - und doch schafft sie damit einen Handlungsraum, der prima facie nicht eine idyllische Scheinwelt intendiert, sondern ein durchaus spannendes und reiches Erlebnis von Widerstandsformen gegen die von Dir zurecht monierten Gewaltverhältnisse. Indem sie bzw. ihre Gruppe sich der freiheitlichen Formensprache des Marktes bedient, fordert sie diesen heraus, seinen gewalttätigen Inhalt hinter der Form der Freiheit klarzustellen. Auch bei Nicole und Ronny ist einiges durchgeschimmert und das waren in der Substanz schon klare und brauchbare Stellungnahmen zum ernst genommenen "Reich der Freiheit".

am 26.11.2008 von Franz Nahrada bearbeitet.

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am 30.11.2008 geschrieben am 30.11.2008 geschrieben

Mein erster Einwand: Es geht hier nicht bloß um DIE „zwei Seiten“, also etwa „Realanalytiker“ versus „Sozialutopisten“. Da wie dort gibt es Bemerkenswertes, Verfolgenswertes und auf der anderen Seite hoffnungslos Dumpfes, Gegenaufklärerisches. (Zu dem Vorschlag von mir, Aufklärung und Gegenaufklärung als Kriterium der Beurteilung zu wählen, hast du leider kein Wort verloren.) Es gibt Utopien, die im Marxschen Sinn AUS DER KRITIK DER BESTEHENDEN VERHÄLTNISSE DIE ZUKÜNFTIGEN ZU ENTWICKELN TRACHTEN. Und es gibt Utopien, die wirklich nichts anderes sind als ABFINDUNGSSTRATEGIEN („ich bin ok., du bist ok.“), tatsächliche SCHEINWELTEN usf. Andererseits gibt es Analysen, die so „objektiv“ sind, dass sie zum „Gott-bin-ich-g’scheit“ und zum l’art pour l’art verkommen, dass sie geradezu dazu auffordern, die Hände in den Schoß zu legen und den Kopf in Schüttel- und die Achseln in Zuckbewegungen zu versetzen. Und es gibt Analysen, die perspektivenweisend und handlungsrelevant sind. Die Demarkationslinie verläuft nicht so einfach, wie du sie ziehst und ist auch nicht immer auf Anhieb entscheidbar.

Mein zweiter Einwand: Nicht jede KRITIK ist wegen ihrer Radikalität gleich schon „Desavouierung“. Aber manches gehört eben ganz ordentlich desavouiert. Siehe dazu auch mein Gottfried Keller-Zitat.

Zur Zusammenarbeit von Franz Schandl und Barbara Pitschmann beim Symposium muss ich gestehen, dass ich das ZUSAMMEN nicht wirklich erkennen konnte. Die beiden haben einander nicht „weh“ getan, das stimmt. Aber die, irgendwelchen Überschriften zugeordnete, Abwechslung in der Doppelconference hinterließ bei mir den Eindruck absoluter Beliebigkeit im Inhaltlichen wie im Strategischen und Formalen. Was Barbaras Messe betrifft, fühle ich mich in der Beurteilung ein wenig hilflos. Werden hier „Markt“ und „Messe“ durch den Inhalt des Widerständigen tatsächlich ihrer Gewaltpotentiale überführt? Oder werden umgekehrt mittels des Messeambientes gesellschaftspolitisch radikale Attitüden verarscht? Ich fürchte, die Messebesucher sind sehr frei darin, die ihnen genehme jeweilige Botschaft zu dechiffrieren. Reiches Erleben von Widerstandsformen mag ich bei allem Amusement nicht zu erkennen.

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am 04.01.2009 geschrieben am 04.01.2009 geschrieben

Christian Christiansen:

Mein erster Einwand: Es geht hier nicht bloß um DIE „zwei Seiten“, also etwa „Realanalytiker“ versus „Sozialutopisten“. Da wie dort gibt es Bemerkenswertes, Verfolgenswertes und auf der anderen Seite hoffnungslos Dumpfes, Gegenaufklärerisches. (Zu dem Vorschlag von mir, Aufklärung und Gegenaufklärung als Kriterium der Beurteilung zu wählen, hast du leider kein Wort verloren.) Es gibt Utopien, die im Marxschen Sinn AUS DER KRITIK DER BESTEHENDEN VERHÄLTNISSE DIE ZUKÜNFTIGEN ZU ENTWICKELN TRACHTEN. Und es gibt Utopien, die wirklich nichts anderes sind als ABFINDUNGSSTRATEGIEN („ich bin ok., du bist ok.“), tatsächliche SCHEINWELTEN usf. Andererseits gibt es Analysen, die so „objektiv“ sind, dass sie zum „Gott-bin-ich-g’scheit“ und zum l’art pour l’art verkommen, dass sie geradezu dazu auffordern, die Hände in den Schoß zu legen und den Kopf in Schüttel- und die Achseln in Zuckbewegungen zu versetzen. Und es gibt Analysen, die perspektivenweisend und handlungsrelevant sind. Die Demarkationslinie verläuft nicht so einfach, wie du sie ziehst und ist auch nicht immer auf Anhieb entscheidbar.


Ich könnte nicht mehr zustimmen als bei diesem ersten Absatz. Bloß ist eben, wie Erich Kitzmüller schreibt, der Konflikt eben als socher aufgetreten und genau das was Du schreibst wäre die Auflösung. Vielleicht hätte ich das noch deutlicher machen sollen. Vielleicht wäre schon in PUL-Zeiten, die Du oben beschreibst, diese Auflösung hilfreich gewesen. Und sicher wäre das auch bei der Konferenz angemessen gewesen das mehr zu zu betonen. Ich habe begonnen, auf einer Wikiseite zu Silke Utopien zu sammeln, die in Deinem Sinn zumindest diskutierenswert sein sollten. http://unsichtbareintelligenz.mixxt.at/networks/wiki/index.silke_rosenbuechler_diskussion

Christian Christiansen:

Mein zweiter Einwand: Nicht jede KRITIK ist wegen ihrer Radikalität gleich schon „Desavouierung“. Aber manches gehört eben ganz ordentlich desavouiert. Siehe dazu auch mein Gottfried Keller-Zitat.


Auch hier Zustimmung, obwohl es interessanterweise immer wieder zu beobachten ist, dass Kritik auch in der Wiederinrechtsetzung von vorher Kritisiertem bestehen kann, McLuhan nennt das das "retrieval", also die Paradoxie dass alles Neue auch schon irgendwann mal dagewesen ist. Mir fällt nur auf dass die revolutionäre und Realität vernichtende Komponente derzeit voll und ganz auf das eigentlich zu kritisierende gesellschaftliche System übergegangen ist. Kapitalismus ist totalitäre wahrgemachte Abstraktion, die sich ohne Rücksicht auf Verluste ständig neue Räume verschafft. Ein "Ismus" sondergleichen, den es nicht zu imitieren gilt. Und das gilt auch noch angesichts der Einsicht in die Schwierigkeit auch nur die Möglichkeit zu fordern dass einen das System nicht behellige.

Christian Christiansen:
Zur Zusammenarbeit von Franz Schandl und Barbara Pitschmann beim Symposium muss ich gestehen, dass ich das ZUSAMMEN nicht wirklich erkennen konnte. Die beiden haben einander nicht „weh“ getan, das stimmt. Aber die, irgendwelchen Überschriften zugeordnete, Abwechslung in der Doppelconference hinterließ bei mir den Eindruck absoluter Beliebigkeit im Inhaltlichen wie im Strategischen und Formalen.


Ich würde gerne Franz und Barbara einladen zu diesem Vorwurf Stellung zu nehmen.

Christian Christiansen:
Was Barbaras Messe betrifft, fühle ich mich in der Beurteilung ein wenig hilflos. Werden hier „Markt“ und „Messe“ durch den Inhalt des Widerständigen tatsächlich ihrer Gewaltpotentiale überführt? Oder werden umgekehrt mittels des Messeambientes gesellschaftspolitisch radikale Attitüden verarscht? Ich fürchte, die Messebesucher sind sehr frei darin, die ihnen genehme jeweilige Botschaft zu dechiffrieren. Reiches Erleben von Widerstandsformen mag ich bei allem Amusement nicht zu erkennen.


Die Frage ist nicht die Entschlüsselung des Gewaltpotentials von Messen, sondern umgekehrt der "emanzipatorischen" Elemente solche "Inszenierungen". Natürlich steht die Frage uneingelöst im Raum und ist nur durch die Inszenierung selber zu beantworten, die sich ja auch selbstreflexiv in Frage stellen müsste. Dennoch, das Ambiente des Messe- oder Marktplatzes hat was. Im Italienischen heißt Messe Mostra, der Ort an dem etwas hergezeigt wird.Es ist der Ort, wo sich neue Bedürfnisse bilden, neue Möglichkeiten erkundet werden, Menschen neue Verbindungen eingehen können. Ich freue mich über diese Freiheit der Messebesucher und erhoffe mir eine Qualität der Präsentationen die ihnen mehr erlaubt als nur ihre eigenen Botschaften zu dechiffrieren.

am 04.01.2009 von Franz Nahrada bearbeitet.

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